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1.2.09    23:02     1 Kommentar(e)

Eisenbahner sein ...

In diesem Moment wird mir wieder das unverhoffte Vergnügen zuteil, auf einer derzeit häufiger befahrenen Eisenbahnstrecke von «meinem Lieblingsschaffner» betreut zu werden. Dieser Mann stellt eine ganz wunderbare Ausnahme unter den mir bisher begegneten Bahnangestellten dar, weswegen ich ihn kurz vorstellen möchte. Sein Name ist Hanstein und man dürfte bei seinem Anblick wohl ungestraft von einem «Männchen» reden. Anders aber als die ihm an Körpergröße ähnelnden Vertreter des männlichen Geschlechts fällt der Zugbetreuer Hanstein durch angenehme Töne auf. Ein stets gepflegter und nie gewöhnlich gestutzter Bartwuchs ist außerdem erwähnenswert. Sein bebrillter Blick mag Manchem verschmitzt erscheinen. Nicht laut, dreist in private Sphären eindringend oder gar befremdlich freundelnd sind seine Äußerungen; die dienstlich obligatorischen An- und Durchsagen müssen nicht als Lautsprecherstörung empfunden werden – sie zeichnen sich vielmehr durch eine seltene Freundlichkeit und angenehme Deutlichkeit aus. Das allenthalben auftretende Genuschel seiner Kollegen wird man hier nie finden; die selten passablen englischen Äußerungen des gemeinen deutschen Bahnpersonals wird dem Reisenden Gott-sei-Dank im Nahverkehr sowieso erspart. Herr Hanstein pflegt das ihm anvertraute Reisevolk ausführlich und förmlich – dabei aber glaubwürdig – zu begrüßen. Folgend der Ansprache «Wir wünschen Ihnen einen guten Abend, sehr verehrte Fahrgäste.» lässt er den Angesprochenen ganze 18 Sekunden Zeit, um sich darauf vorbereiten zu können, angesprochen zu werden, was ihrer sonst abwesenden Aufmerksamkeit sehr zuträglich ist. Nach dieser Pause führt er in ruhiger Stimme, gewähltem Duktus und mit leicht tänzelnder Melodie aus, was seinen Kollegen allenfalls Routine-Gemurmel und hastiges Geleier wert ist. Man möchte ihm zustimmen und ihn herzlich zurückbegrüßen «an Bord der Regionalbahn 26164 von Halle (Saale) Hauptbahnhof nach Kassel Hauptbahnhof über Röblingen am See, ...». Nach den Zwischenhalten auf dieser Strecke klärt der Begleiter auch den letzten noch unwissenden Fahrgast umfassend darüber auf, dass an Bord der DB Regio der Fahrschein vor Reiseantritt erworben werden muss, er folglich nicht mehr befugt sei, deren Verkauf im direkten Kundenkontakt zu betreiben. Sehr nützlich ist der Vorschlag, Fahrscheine an Schalter, Automat, im Internet oder gar als praktische Monatskarte zu erwerben; letztere «bekommen Sie ganz bequem mit der Post zugesandt.»
Derlei eingestimmt freut sich Schäflein Fahrgast schon ein klein wenig darauf, dem Hirten seinen Fahrausweis vorzeigen zu dürfen, die Bahncard, Momentchen, gleich noch hinterher. Der beiderseitige Dank ist gewiss und gewiss ehrlich.
Dem Reisenden mag schleierhaft sein, wo ein Schaffner im Jahre 2009 die offenkundige Freude an seinem Tagwerk nimmt, denn «Eisenbahner zu sein» ist in dieser Zeit vollständig und nachhaltig von Ehre und Besonderheit befreit. Umso deutlicher wird ihm die Munterheit dieses Vertreters seines Standes in Erinnerung bleiben. Still wünscht der Dahinreisende dem Schaffner, seine Arbeit für eine ihm genehme Zeit ausüben zu dürfen und weiterhin Reisevolk in Erstaunen und Dankbarkeit zu versetzen.


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21.8.07    17:16     3 Kommentar(e)

ent:Schleunigung (2) - Die Entleisung

Die verkrampft gebrüllte «gute Laune», die einem hier und da unvermittelt auch aus vermeintlich nüchternen Köpfen entgegenschlägt, gehört zwar zu den harmloseren, aber nervigeren Auswüchsen von Selbstfindung der halbjungen Generation. Der heutigen sueddeutsche.de-Morgenandacht schauderte ob einer der jüngsten Fernsehsendungen der Art «Tod durch Casting» und sie lud zum Mitschaudern ein. Aber wollen wir das?
Während die einen sich wundern, woher bloß all jene Menschen kommen, die das dringende Bedürfnis zu haben scheinen, sich von unangenehmen Mitmenschen vor laufenden Kameras entwürdigende Angriffe ins Gesicht schleudern zu lassen, nehmen andere solcherlei Einladung zum Schaudern dankend an. Was ist aber als verwerflicher einzustufen: Sein letztes Fünkchen Selbstachtung für die zu oft herbeizitierten 15 Minuten Ruhm und bestenfalls ein paar hundert Euro zu prostituieren und dies als Statement öffentlich zu transportieren – oder sich im Schutz der heimeligen Kissenburg am Unbill Anderer zu ergötzen, Demütigung lachend hinzunehmen und ein ganz klein wenig schaudern bei der Frage, wie man sich selbst dabei wohl fühlen würde?
Wohl unabsichtlich nannte die sueddeutsche.de den neuesten Tiefschlag der Fernsehproduzenten eine «Entleisung», doch drückt sie damit ziemlich gut aus, was das Unschöne an jener kunterbunten Selbsthass-Mode ist: Sie wird immer lauter, aufdringlicher, gegenwärtiger. Latürnich sind Menschen keine Engel, sie trachten oft nach Selbsterhöhung und Macht über andere, das lässt sich kaum ändern. Aber dass dies eine derartige gesellschaftliche Legitimation erfährt, lässt mein Schaudern nahtlos in einen gehörigen Ekel reifen. Mit ein bisschen Geschick lenkt man diese Gefühlswallung in Richtung Zorn und erlangt so eventuell die Möglichkeit, sie konstruktiv zu nutzen.
Wie? Vorschläge sind erbeten.

Es sollten junge Menschen vielmehr medienübergreifend zu einer Leisung eingeladen werden, zu einem Lauschen zwischen den eigenen zwei Ohren und in den Wind, in das Knistern zwischen gedachten Zeilen und einander gegenübersitzenden Menschen. Beschreiben Sie bitte das Geräusch, das eine Möhre beim Wachsen macht! Stellen Sie sich vor eine Kamera und erklären Sie die Unterschiede des Aneinanderraschelns von Hosenbeinen aus diversen Stoffen! Halt einfach mal die Luft an und hör hin, ob Dein Herz noch schlägt! Alles schön.

Gewisse Sachen aber gehören sich einfach nicht und schon gar nicht in die Öffentlichkeit.


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11.10.06    22:53     2 Kommentar(e)

ent:Schleunigung (1) - Der Positiv

Es geschah mir kürzlich, dass ich ein frischgewaschenes Hemd ausschlug und aufhing. Das ist nicht weiter selten oder gar erwähnenswert, doch dieses eine Mal war anders. Eh' ich mich's versah, versank ich in einer abrupten Art persönlicher Weh- und gesellschaftlichen Unmuts. Ich suchte und fand den Quell des Verdrusses, der, wie so oft, für sich betrachtet ein doch recht schöner Umstand war.
Festgehalten hatte mich der Aufdruck des Bügels. «JOBA. Gute Herrenbekleidung", stand da. Nun weiß ich nichts über die Firma JOBA, geschweige denn besitze ich eines ihrer Produkte. Die Aussage in ihrer Schlichtheit multiplizierte sich in mir. Wie in sich schön und schlüssig ist doch dieser Zusatz: Die Aussage, die Erzeugnisse seien «gut», entbehrt schlicht jeglichen Vergleichs, versucht eben nicht, sich über ein bestimmtes Konkurrenzprodukt oder den ganzen Markt im Allgemeinen zu erheben. Ganz bescheiden und wertungsfrei nennt es sich «gut» und wird dadurch umso glaubhafter. Schon imposant zu merken, wie der Gebrauch eines simplen Positivs weitaus anziehender wirken kann, als der uns stets umgebende ewige Komperativ oder der scheinbar einzig geforderte Superlativ!
Es mag das Geheule gegen das Höherschnellerweiter schon alt sein und in manchem Ohr für Eiter gesorgt haben; erstaunlich fand ich aber die situative Wirkung des «gut»: Eine großelterliche Wärme machte sich breit, eine Geborgenheit wie vom Geruch des grünen Samtsofas.
Doch lang blieb sie nicht. Die Wohligkeit verflog und es gelang ihr Kontrast die Oberhand: Eine Abscheu gegen den allgegenwärtige Komparativismus. Ist es denn existenziell notwendig, dass der Mensch alles und jeden vergleicht? Ist das die hier und jetzt adäquate Form der Reflektion? Sind wir schon soweit gekommen, dass Unzufriedenheit, denn nichts Anderes erwächst dem Vergleich, unser einziger Antrieb sein soll?

Jegliches braucht seine Zeit. Jegliches kostet sein Geld. Plaste ist Plaste und Holz ist Holz.

Bin ich denn reaktionär, wenn ich meine Schuhe von einem Menschen reparieren lassen möchte, der dies schon seit Leben lang tut? Oder meine Messer und Scheren von einem schleifen lassen, der nicht auch gleichzeitig für sich in Anspruch nimmt, sich prima mit Schlössern und Schlüsseln auszukennen und auch gleich meine Hose nähen, mein Hemd bügeln «kann»?
Verschließe ich meine Augen vor den Zeichen der Zeit, wenn ich gerne Tonträger in einem Tonträgerfachgeschäft kaufen möchte? Oder wenn ich es mag, dass ein Buchladen nach alten Büchern und nicht nach neuer Auslegware riecht? Darf ich dieser Tage noch wünschen, dass jemand mit mir kommuniziert und mir sagen kann «Hey, wenn du die Platte magst - hör dir doch mal diese hier an!» Nein, darf ich nicht, denn da hat schon jemand ein Programm für geschrieben, das einer Seite im Netz zugrunde liegt und sogar 24 Stunden täglich für mich da ist.
Doch ich bin ein Mensch, der gerne ein Gesicht, eine Schwäche und eine Vorliebe hat. Ich bin keine IP, Adresse, Kunden- oder Kontonummer.

Jegliches braucht seine Zeit. Jegliches kostet sein Geld. Plaste ist Plaste und Holz ist Holz.

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